Gesundheit

Immuntherapie: Neue Hoffnung in der Krebsmedizin

Die Immuntherapie gilt als einer der vielversprechendsten Ansätze in der modernen Krebsbehandlung. Statt den Tumor direkt anzugreifen, aktiviert und mobilisiert sie das körpereigene Immunsystem, um die Krebszellen zu erkennen und zu bekämpfen. 

Primarius Univ.-Prof. Dr. Mag. Martin Pichler, MBA, Abteilungsvorstand Onkologie und Palliativmedizin, Klinik Oberwart
© Gesundheit Burgenland/Messenbäck

Primarius Univ.-Prof. Dr. Mag. Martin Pichler, MBA, Abteilungsvorstand der Onkologie in der Klinik Oberwart, über Chancen, Herausforderungen und die Zukunft der Immuntherapie.

Was genau versteht man unter Immuntherapie und worin unterscheidet sie sich von klassischen Behandlungsformen wie Chemotherapie oder Bestrahlung?

Martin Pichler: Hinter dem Begriff Immuntherapie verstecken sich unterschiedliche Ansätze, die alle gemeinsam haben, dass man das eigene Immunsystem nützt und anregt, um Krebserkrankungen zu verhindern beziehungsweise zu behandeln.

Welche Krebsarten lassen sich aktuell besonders gut mit Immuntherapie behandeln?

In den letzten 15 Jahren hat sich die Immuntherapie bei einer Reihe von Krebserkrankungen als Standardtherapie etabliert. Bestimmte Krebsarten, wie beispielsweise der Schwarze Hautkrebs (Melanom), Nierenkrebs, Lungenkrebs, bestimmte Formen von Darm- oder Magenkrebs, Brustkrebs, aber auch zunehmend Erkrankungen des Blutes, lassen sich durch Immuntherapie behandeln. Bei einigen Krebserkrankungen wie dem Melanom hat die Immuntherapie die Chemotherapie vollständig ersetzt. Die Erfolge zeigen sich durch eine Chronifizierung der Erkrankung, die selbst bei weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen zu einem jahrelangen stabilen Krankheitsverlauf bei sehr guter Lebensqualität führen kann – leider aber nicht bei allen Patientinnen und Patienten.

Wie entscheiden Sie, ob eine Patientin oder ein Patient für eine Immuntherapie infrage kommt?

Grundsätzlich sind Krebstherapien – darunter auch Immuntherapien – national und international standardisiert, sodass es unabhängig davon ist, ob die Krebserkrankung in Oberwart, Wien, Berlin, London oder New York behandelt wird. Man kann überall dieselben modernsten Krebstherapien nach der gleichen Methode erhalten. Wir haben in Österreich und im Burgenland das Glück, auf die neuesten Krebstherapien zugreifen zu können – trotz der sehr hohen Kosten dieser modernen Medikamente. Die Auswahl einer Immuntherapie fußt aber ausschließlich auf medizinischen Gesichtspunkten – einerseits, ob die spezielle Krebserkrankung für eine Immuntherapie gute Erfolgsaussichten hat, andererseits gibt es Ausschlussgründe, wann eine Immuntherapie nicht gegeben werden darf.

Dazu gehören beispielsweise schwere sogenannte Autoimmunerkrankungen oder der Zustand nach einer Herz- oder Lebertransplantation. In dem Fall würde eine Immuntherapie zu einer Gefährdung führen und darf daher nicht angewendet werden.

Welche Nebenwirkungen treten typischerweise auf und wie gehen Sie in der Praxis damit um?

Die Nebenwirkungen ergeben sich aus der Wirkung. Bei einer Immuntherapie wird das eigene Immunsystem stimuliert, es wird „scharf“ gegen die Krebszellen gemacht. In der Regel werden Immuntherapien gut vertragen, aber es kann vorkommen, dass das Immunsystem auch körpereigene Organe angreift. Dann entstehen Entzündungen in diesen Organen, und dies kann erhebliche Folgen haben, etwa eine Darmentzündung. Dies merkt die Patientin oder der Patient durch das Auftreten von Durchfällen. In solchen Fällen würde man das Immunsystem wieder mit einem Medikament, wie zum Beispiel Cortison, abbremsen.

Gibt es aus Ihrer Erfahrung Fälle, in denen die Immuntherapie besonders erfolgreich war?

Jeder Onkologe (Anm.: Krebsspezialist) hat Patientinnen und Patienten, die sensationell auf Immuntherapien ansprechen. Ich komme noch aus einer Zeit der 2000er-Jahre, als es noch keine Immuntherapie gab. Damals hatten wir kaum Hoffnung auf eine langfristige Chronifizierung einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Jetzt kann ich Ihnen auf der Stelle viele sehr erfreuliche Fälle von Patientinnen und Patienten nennen, die trotz einer Krebserkrankung ein völlig normales Leben führen und sich nur alle paar Wochen eine Infusion, also die Immuntherapie, in unserer Ambulanz holen – ähnlich wie Diabetikerinnen und Diabetiker eben auch chronisch Insulin spritzen müssen.

„Wir haben in Österreich und im Burgenland das Glück, auf die neuesten Krebstherapien zugreifen zu können.“

Primarius Univ.-Prof. Dr. Mag. Martin Pichler, MBA, Abteilungsvorstand Onkologie und Palliativmedizin, Klinik Oberwart

Wie gehen Sie damit um, wenn Erwartungen, Hoffnung und medizinische Realität auseinanderklaffen?

Als Behandler hofft man immer auf die positive Wirkung einer Therapie. Leider gelingt uns dies trotz modernster Therapien bei Krebserkrankungen nicht immer, häufig müssen wir leider auch eine Verschlechterung der Krebserkrankung über die Zeit hinnehmen. Dies ist für alle, Ärztinnen und Ärzte wie Pflege, eine große psychische Herausforderung, da wir unsere Patientinnen und Patienten kontinuierlich bis zum Tod begleiten. Wichtig sind eine ehrliche Kommunikation mit den Patientinnen und Patienten über Chancen und Aussicht zu Beginn der Erkrankung, Einfühlungsvermögen während der Betreuung und letztlich eine hohe medizinische Expertise.

Was motiviert Sie persönlich an Ihrer Arbeit und was wünschen Sie sich für die Zukunft der Krebsmedizin?

Die Faszination im Bereich der Krebsmedizin ist die Dynamik der Entwicklungen. Nirgendwo anders entwickeln sich Diagnostik und Therapie schneller als in diesem Bereich der Medizin. Diese Entwicklungen und dieses Wissen an die Betroffenen zu bringen, spornt an, und es bereitet Freude, schwer kranken Menschen durch innovative moderne Medikamente Lebenszeit zu schenken beziehungsweise im besten Fall auch eine Heilung. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass sich durch die Vermeidung von Risikofaktoren wie Rauchen, durch guten Sonnenschutz, gesunde Ernährung und Bewegung – also Prävention – die Anzahl der Krebserkrankungen verringert. Die beste Therapie ist, Krebs dadurch zu verhindern.