Das kleine Einmaleins zum Martiniloben

Welche Bedeutung der Heilige Martin in Zeiten von Hashtag und Smartphone hat? Und was Wein mit dem Heiligen Martin zu tun hat, warum man als Winzer – und auch Weintrinker – den Martinstag am 11.11. immer bereits vorher herbeisehnt? Fragen, die wir mit einem Mann besprochen haben, der sich mit dem Land, den Leuten, dem Wein und zuallererst den überirdischen Dingen bestens auskennt – dem Leiter des bischöflichen Sekretariats Diözese Eisenstadt, Mag. Dr. Dominik Orieschnig.

Am 11. November wird der Heilige Martin gefeiert, bereits in den Tagen davor übt man sich im Burgenland am „Martiniloben“ Was ist das?

Ganz einfach: Beim „Martiniloben“ lobt man den Jungwein, indem man ihn ausgiebig kostet. Das ist ein uralter Winzerbrauch, der ursprünglich exakt am Martinstag stattfand. Zu St. Martin beging man das Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres, das Vieh war eingestellt, die Ernte war eingefahren, der neue Wein war in den Fässern, es wurde abgerechnet, der Pachtzins, der sogenannte Zehnte, wurde entrichtet. Auch viele Dienstverhältnisse endeten oder begannen am Martinstag. Und an diesem besonderen Tag des Übergangs gingen die Winzer auch daran, den neuen Weißwein zu kosten, den eigenen wie den der anderen, der bis jetzt im Fass gereift war. Dieser Tag war die letzte Chance, um es so richtig krachen zu lassen, denn nach Martini begann die adventliche Fastenzeit. Heute ist dieser Brauch auf die nicht-bäuerliche Bevölkerung ausgedehnt und sehr populär. Seine ursprüngliche Bedeutung hat er aber wohl eingebüßt, da die heutigen Verhältnisse den Menschen das ganze Jahr über viel leichter die diversen Gaumenexzesse ermöglichen und sie das Martinsfest nicht mehr so stark erleben lassen. Alles Besondere, zu oft genossen, verliert eben seinen Reiz.

 

Wie wurde der Heilige Martin zum Landespatron des Burgenlandes?

Indem er hier einen jahrhundertealten Heimvorteil hatte. Die unzähligen Orte und Kirchen mit seinem Namen im ganzen pannonischen Raum dokumentieren, wie tief diese europäische Gestalt, die im nahen Szombathely geboren wurde, in der kulturellen DNA des Burgenlands verwurzelt ist. Trotzdem scheint Martins Bedeutung im Lauf der Jahrhunderte abgenommen zu haben. Erst durch die Erhebung zum burgenländischen Landespatron 1924 erlebte die Verehrung des Heiligen Martin wieder eine Renaissance - was sich aber weniger in der Volksfrömmigkeit zeigt als vielmehr im angeblich „traditionellen“, im Burgenland früher aber völlig unüblichen Verzehr von Gänsen. Das noch junge Burgenland brauchte jedenfalls eine Identifikationsfigur, die groß genug war, um ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Martin von Tours hatte das Zeug dazu.

 

Loben auch Sie (und Bischof Zsifkovics) Martini in Weinform?

Der Bischof des Burgenlands ist, was die Wertschätzung des Weins angeht, schon von Amts wegen das ganze Jahr über im Dauermodus, das geht hier ja gar nicht anders. Wer z.B. jemals eine bischöfliche Visitation in einer burgenländischen Pfarre mit ihrer liebevoll-aggressiven Gastfreundschaft erlebt hat, der weiß, was für gastronomische Anschläge auf Leib und Leben hier stattfinden. An einem Wochenende zwischen Frühjahr und Sommer werden bis zu vier Pfarren besucht, überall wird aufgetischt, man freut sich natürlich über den hohen Besuch, und ein guter burgenländischer Bischof lässt es in Demut über sich und seine Leber ergehen – auch wenn er, wie Bischof Zsifkovics, beim Wein ein sehr maßvoller Genießer ist. Da hat es der Bischöfliche Sekretär ein wenig leichter. Ich kann sehr selektiv unterwegs sein und wirklich zu Martini mein ganz gezieltes und konzentriertes Lob ausbringen.

 

Was ist Ihre liebste Weinsorte?

Gelber Muskateller, die mineraligen Leithabergweine, in denen man noch das pannonische Urmeer erspüren kann, und immer schon der gute alte Zweigelt.

 

Wie kann man Menschen alte Werte und Bräuche auch im schnelllebigen 21. Jahrhundert „schmackhaft machen“?

Die Menschen kommen ganz von selber darauf zurück. Die Kirche hält für alle einen uralten Weisheitsschatz bereit, wie der Mensch seine Tage strukturieren und das Leben in Freiheit ordnen kann. Der Rhythmus der heutigen Arbeits- und Lebenswelten ist ein ungesunder, ein inhumaner. Es wächst allerorts wieder die Sehnsucht nach Beschaulichkeit und Sinn. Menschen wollen wieder zwischen Beruf und Freizeit unterscheiden können, zwischen dem Alltäglichen und dem Besonderen. Die Regale in den Supermärkten sind voll wie noch nie, aber die seelischen Reservoirs vieler Leute sind leer. Wir leben im Zeitalter des Hamsterrades, großzügigst ausgestattet mit WLAN, Smartphone und Diätplan.

 

Woran sollten die Menschen heutzutage am Martinstag, dem Tag des Schutzpatrons der Armen, besonders denken?

Daran, dass jeder von uns abstürzen kann. Dass wir in unserem Land und in unserem Kulturkreis so viele Privilegien im Vergleich zu anderen Menschen auf dieser Welt haben. Dass wir jeden Tag die Früchte von Bäumen essen, die andere vor uns gepflanzt haben. Dass selbst der fleißigste, anständigste und vorbildhafteste Mensch sehr schnell auf der Schattenseite des Lebens landen kann und wir alle nicht selbstgefällig werden sollten. Dass unsere Existenz zerbrechlich ist und wir erlösungsbedürftig sind. Wenn wir wie Martin teilen, ohne wenn und aber, dann zeigen wir uns als spirituelle und solidarische Wesen. Dann sind wir schon ein Stück weit erlöst und werden zu richtig schönen Menschen, ganz ohne Botox. Ich wünsche mir, dass wir alle sensibler für fremdes Leid werden.

 

Gansl lieber traditionell, vegetarisch oder vegan?

Traditionell. Ich glaube, vegan ist nicht für jeden gesund.

 

#martinigansl – wie funktioniert Gott im Internet?

So gut und so schlecht wie überall anders. Das hängt immer vom „User“ ab. Grundsätzlich offenbart sich Gott in der Stille – durch Wüstenerfahrungen oder durch einschneidende Naturerlebnisse mystisch begabter Menschen etwa. Jedenfalls gern abseits von oberflächlichem Geplapper, Gequatsche, Ge-Twitter und wie sonst noch die zweifelhaften Segnungen der Ablenkungsindustrie so heißen. Andererseits: Wer wollte Gott verbieten, seine Wege zu den Menschen selbst zu wählen? Vor circa einem Jahr wurde der 2006 an akuter Leukämie erst 15-jährig verstorbene Carlo Acutis von Papst Franziskus seliggesprochen. Aus seinem Bedürfnis, anderen Menschen dabei zu helfen, Gott näher zu kommen, hat der tiefreligiöse Junge auch auf das Internet zurückgegriffen. Für ihn war das Internet ein Geschenk Gottes, ein Mittel zur Begegnung mit den Menschen, ein Raum des Dialogs, des Austauschs in gegenseitigem Respekt. Ein tolles Gegenprogramm zu Cyber-Mobbing, Fake news und Darknet!