Lässig leben
Der Hut passt
Wer den Süden des Burgenlands kennt, versteht schnell, warum Menschen bleiben. Oder zurückkommen. Die Landschaft atmet Ruhe, die Hügel tragen Geschichten, und zwischen Streuobstwiesen, Weingärten und alten Höfen liegt eine stille Kraft, die jene anzieht, die etwas Eigenes schaffen wollen. Hier, im Raum Jennersdorf, hat Margit Koppendorfer ihre Heimat gefunden – und mehr noch: einen Ort, der ihr Wesen widerspiegelt.
Schon beim Eintreten wird klar: Dieses Haus erzählt. Licht fällt durch große Fensterflächen, der Garten wirkt wie eine Komposition aus Farben, Formen und Jahreszeiten. Nichts ist zufällig, und doch scheint alles selbstverständlich. Ein Gesamtkunstwerk – gewachsen, gestaltet, gelebt. Im Zentrum: Die Künstlerin selbst. Eine Frau, die über Jahrzehnte als Kostümbildnerin internationale Bühnen geprägt hat – und die sich hier, weit weg vom Applaus der großen Häuser, eine neue, ganz eigene Bühne geschaffen hat.
Ein Satz als Maß
Es begann mit einem alten Bauernhaus. Verwachsen, eigensinnig, schon mehr im Jenseits als im Diesseits. Koppendorfer erkannte darin keine Ruine, sondern eine Möglichkeit. Gemeinsam mit ihrem Vater besichtigte sie das Gebäude. Seine knappe Einschätzung: „Der Hut passt.“ Ein Satz, der blieb. Ursprünglich auf den Dachstuhl bezogen, wurde er zur Metapher für alles, was folgte. Denn „der Hut passt“ beschreibt nicht nur die Entscheidung für dieses Haus – sondern auch Koppendorfers Haltung: den Blick für das Ganze, die Liebe zum Detail und die Gewissheit, dass etwas stimmig ist, wenn Form und Inhalt sich decken.
Diese Haltung durchzieht ihr gesamtes Schaffen. Ob auf der Bühne oder im privaten Raum – alles fügt sich zu einem Bild, in dem jede Linie, jede Farbe und jedes Material Bedeutung trägt. Auch ihr Zuhause scheint „eingekleidet“, als wäre es selbst Teil einer Inszenierung. Nur dass hier keine Premiere folgt – sondern das Leben selbst.

Vom Laden ins Leben – und auf die Bühne
Dass Margit Koppendorfer ihren Weg einmal ins Theater finden würde, war keineswegs vorgezeichnet. Aufgewachsen in Feldbach, stand zunächst das Geschäft der Eltern im Mittelpunkt. Früh übernahm sie Verantwortung, arbeitete im Verkauf – ein Umfeld, das sie prägte. „Ich habe alles verkauft – und vor allem gelernt, mit Menschen umzugehen“, erzählt sie heute mit einem Lachen.
Der Weg zur Kunst führte nicht über klassische Ausbildung, sondern über Neugier und Konsequenz. Sie wollte an die Kunstgewerbeschule – durfte aber nicht. Also ging sie ihren eigenen Weg. In Wien verkaufte sie Stoffe und Vorhänge, beobachtete, lernte, blieb dran. Und folgte schließlich dorthin, wo sich eine Tür öffnete: nach Deutschland.
In Kassel begann alles – unscheinbar, beinahe zufällig. Eine freie Stelle in der Schneiderei, ein spontanes „Ich probier das halt“. Was folgte, war ein stetiges Hineinwachsen: vom Machen, vom Schauen, vom sich selbst Überraschen. „Ich habe einfach angefangen“, sagt sie. Und brachte mit was Wichtigsten war – Gespür.
Was Margit Koppendorfer auszeichnet, ist diese Mischung aus Intuition und Beharrlichkeit. Sie hat nie formal gelernt, was sie später perfektionierte. Sie hat es sich erarbeitet – Nacht für Nacht, Zeichnung für Zeichnung.
Ihre Entwürfe entstehen oft im Alleingang, im Stillen. „Ich habe mich selbst manchmal gewundert, was da entstanden ist“, sagt sie. Aus diesem Staunen wächst Selbstvertrauen.
Dabei geht es ihr nie um Oberfläche. Ein Kostüm muss wirken, bevor es erklärt wird. Der richtige Stoff, die richtige Linie – und manchmal sogar die richtige Unterwäsche. „Der Schauspieler bewegt sich anders, wenn es sich richtig anfühlt, da kann manchmal schon ein Faden in der falschen Farbe, auch wenn ihn niemand sieht, störend sein“, sagt sie. Es ist diese Radikalität im Detail, die ihre Arbeit besonders macht.

Die Kunst der Verführung
Am Theater, sagt sie, gehe es nicht nur um Kunst – sondern um Menschen. Und diese seien oft fragil, anspruchsvoll, widersprüchlich. „Du musst sie verführen“, beschreibt sie ihre Aufgabe. Verführen, damit sie sich auf einen Entwurf einlassen, auf eine Rolle, auf eine Idee.
Sie arbeitete mit großen Namen, mit starken Persönlichkeiten, wie Claus Peymann oder George Tabori – und hielt stand. Nicht durch Lautstärke, sondern durch Haltung. Sie widersprach, wenn es nötig war. Ging, wenn es nicht mehr passte. Und blieb, wenn sie überzeugt war.
Diese innere Unabhängigkeit zieht sich durch ihre gesamte Karriere. „Ich mache nichts halb“, sagt sie. Entweder ganz – oder gar nicht.
Ein Leben zwischen zwei Welten
Über Jahrzehnte pendelte sie zwischen intensiver Theaterarbeit und einem Rückzugsort, der ihr Kraft gab.
Hier, im äußersten Süden, entdeckte sie nicht nur Ruhe, sondern auch ein Umfeld, das über Jahre von einer bemerkenswerten künstlerischen Dichte, Austausch, Freundschaften und Inspiration geprägt war.
Sie fand, was im Theaterbetrieb oft fehlte: Stille, Rhythmus, Erdung. Und gleichzeitig einen Raum, der ihre Kreativität weitertrug.
Es ist ein Ort, an dem vieles zusammenkommt: Arbeit und Rückzug, Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und Alltag.
Und so sitzt bei Margit Koppendorfer am Ende alles: der Hut, das Haus, die Kunst — umgeben von südburgenländischer Ruhe, Vogelgesang und herzhaften Lachen.
