Kultur
Der Mann, der dem Burgenland eine Bühne hinstellt
Es gibt Künstler, die ihre Heimat verlassen müssen, um sie betrachten zu können. Und es gibt Peter Wagner. Er ist geblieben – und hat gerade deshalb immer wieder an ihr gerüttelt.
Umtriebig ist er noch immer. Ich erreiche Peter Wagner telefonisch in Klagenfurt, wo er gerade eine Oper inszeniert. Stillstand kennt der ruhelose 70er nicht. Er tut das, was er immer getan hat: Grenzen verwischen. Zwischen Theater und Konzert, zwischen Literatur und Politik, zwischen persönlicher Erinnerung und öffentlicher Angelegenheit. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil schätzt den Südburgenländer: „Peter Wagner hat mit seiner Kunst und seinem Engagement das Burgenland geprägt. Er ist kein bequemer Künstler. Um im Fußballjargon zu bleiben: Er geht dorthin, wo es weh tut. Und das mag ich an ihm.“
Geboren 1956 in Wolfau, wächst Wagner in einer Welt auf, in der Grenzen nicht bloß auf Landkarten existieren. Unterwart, Oberwart, der Eiserne Vorhang: Das nahe Ungarn ist für den Jugendlichen kein romantischer Horizont, sondern ein Ort von Verbot, Geheimnis und politischer Spannung.
Als 19-Jähriger erhielt er als jüngster Preisträger das Österreichische Staatsstipendium für Literatur. Hörspiele folgten, später Musik, Theater, Film. Aus dem Schriftsteller wurde ein Regisseur, aus dem Regisseur ein Konzeptkünstler. Schon früh galt er deshalb als „Enfant terrible“ der burgenländischen Kulturszene. Das klingt heute wie eine Auszeichnung. Damals war es eine Warnung.
„Theater am Ort“
„Theater soll nicht irgendwo stattfinden, abgeschottet von der Welt, die es beschreibt. Es soll in die Landschaft, in die Geschichte und in die sozialen Verhältnisse hinein,“ erklärt Wagner.
Die 2014 gegründete Theaterinitiative Burgenland führt diesen Gedanken konsequent weiter. Wagner war an ihrer Konzeption maßgeblich beteiligt. Seit 2022 wurde das Modell zum „Landestheater der Autoren“ erweitert. Ein Theater ohne klassisches Haus, dafür mit dem Anspruch, neue Stücke zu entwickeln und durch das Land zu tragen. Eines seiner Herzensprojekte realisierte Wagner in den letzten Jahren: „Lamento Grande“ mit der Band rabold-paul-wagner, in dem sich alles bündelt, was Peter Wagner als Künstler zwischen den Genres ausmacht.
Eine Geschichte der Reibung
Wagner ist nie bloß Heimatkünstler gewesen. Er ist Heimatkritiker. Er hat sich mit den großen Wunden des Burgenlandes beschäftigt: mit der Geschichte, mit Minderheiten, mit Gewalt, mit den Toten und Verdrängten. Sein Werk ist eine Geschichte der Reibung. Das ist eine Haltung, die unbequem bleiben muss, wenn sie ihren Sinn behalten will. Siebzig Jahre Peter Wagner sind daher kein Schlussstrich. Der Vorhang bleibt offen.
