Kultur

Linda von Alten: Hinter der Fassade

Manche Häuser erzählen besondere Geschichten. Die Künstlerin Linda von Alten ebenso. Wenn beide aufeinandertreffen, entsteht Raum für Außergewöhnliches. Ein solcher Ort findet sich mitten in Rudersdorf. 

Linda von Alten neben einem Kunstwerk ihrer Ausstellung in der Landesgalerie Burgenland
Linda von Alten bei ihrer Ausstellung in der Landesgalerie Burgenland. Die Künstlerin aus Rudersdorf schafft mit ihrer poetischen Malerei eindrucksvolle Bildwelten voller Stärke, Sehnsucht und Lebensfreude

Wer die Hauptstraße entlangfährt, entdeckt plötzlich Fassaden, die nicht so recht ins südliche Burgenland passen wollen. Verzierungen, hohe Räume, elegante Proportionen. Fast glaubt man sich einen Augenblick lang auf die Wiener Ringstraße versetzt. Und tatsächlich begann die Geschichte hier und dort zugleich.  Lindas Urgroßvater, Johann Schabhüttel, arbeitete einst als Baumeister an der Wiener Ringstraße mit. Als er zurückkehrte, brachte er die Architektur seiner Zeit mit nach Hause. Bis heute tragen seine Häuser Rudersdorfs unverwechselbare Handschrift. 

Eines davon wurde viele Jahrzehnte später zum Lebensmittelpunkt seiner Urenkelin.  Der denkmalgeschützte Vierkanthof der Malerin Linda von Alten wurde zum Ort inmitten des Orts.  Die Südburgenländerin schuf hier ihren ganz eigenen Lebensraum. Tritt man über die Schwelle der schweren Holztür, bleibt die Außenwelt zurück. Der Lärm, die Hektik, die Unruhe werden zu einem leisen, verhallenden Echo, die in dieser Wunderwelt aus Kunst, Erinnerungen und lebendigem Familienleben einfach verstummen. 

Dieses Kleinod bietet Schutz und Geborgenheit, ohne abzuschotten und wurde so der Künstlerin Zuflucht, Inspiration und Heimat zugleich. Der Auftakt ihres abwechslungsreichen Lebens begann nur wenige Meter entfernt.  Geboren wurde sie, wie damals durchaus üblich, gleich nebenan: im elterlichen Gasthaus, als Hausgeburt, während der geschäftige Betrieb ohne große Aufregung weiterlief. So beiläufig. Und so mitten im Leben. 

Wer als Wirtshauskind aufwächst, lernt früh, Menschen zu beobachten. Man hört Geschichten, bevor man sie versteht. Man spürt Stimmungen, bevor man ihnen Namen geben kann. Vielleicht erklärt das diese besondere Fähigkeit, hinter Fassaden zu blicken. Das Gasthaus war Marktplatz, Bühne und Wohnzimmer zugleich. Ständig kamen Fremde und Bekannte, Musiker, Künstler, Reisende und Nachbarn. „Wir sind eigentlich nie aus dem Haus gekommen", erinnert sich Linda. „Die Welt ist zu uns gekommen." 

Wer so beginnt, dem bleibt das Improvisieren im Blut.

Weil Spielsachen rar waren, spielte sie mit Kätzchen wie mit Puppen, setzte ihnen Häubchen auf und fuhr sie im Kinderwagen spazieren. Aus einem Leiterwagen baute sie sich ein kleines mobiles Zuhause. Und wenn es im großen Gasthausbetrieb zu laut wurde, setzte sie sich still in die Kirche. 

Schon damals suchte sie jene Räume, in denen Fantasie wachsen konnte. Sie studierte Biologie, weil "Kunst kein Beruf" war. Und doch war ihre Zeit in Graz geprägt von ihrem Engagement in der lebendigen Kunst – und Kulturszene.  

Linda entwarf Avantgarde-Mode, organisierte extravagante Modenschauen in Kinos, Kellern und leerstehenden Räumen und bewegte sich mitten in der vibrierenden Grazer Kunst- und Musikszene. 

Dann kam die Liebe.  

Linda folgte ihrem Mann, einem Jazzmusiker aus großbürgerlichem Haus, nach München. Dort bekamen die offenen Räume ihrer Jugend plötzlich Grenzen. Mit zwei kleinen Töchtern wurde sie dort zur Fremden – isoliert hinter einer polierten Fassade. Zehn Jahre blieb sie. Dann kam der Bruch. Der Wunsch nach einem natürlicheren, herzlicheren Umfeld für ihre Kinder führte schließlich zu der Entscheidung, "zurückzukehren". 

„Einfach wieder heim zu meiner Familie, zu meinen Wurzeln", sagt sie. Doch Heimkehr bedeutet nicht immer Ankommen. Wer in die Welt hinausgeht, folgt oft seinen Träumen. Manchmal erkennt man erst später, dass der vermeintliche Schritt nach vorne vielleicht nur einer zur Seite war. Und dann mag sich die Einsicht dessen nach Scheitern anfühlen. 

Sieht man Linda in die Augen, springen einem ihre Lebensfreude, ihre Kreativität und ihre Bodenständigkeit entgegen. Blickt man etwas tiefer, begegnet man ihrer Stärke, ihrer Verletzlichkeit und ihrer Sehnsucht. Es sind genau diese Facetten, die sich auch in ihren Bildern widerspiegeln. „Starke Frauen" sind ihr zentrales Motiv. Sie lachen, verführen und flüstern von den Leinwänden und Mauern des historischen Hauses. Selbstbewusst und sinnlich sollen sie sein. Doch sie sind mehr als bloße Protagonistinnen: Sie sind liebgewonnene "Freundinnen", die Linda Kraft geben und sie inspirieren. 

Ihr Lebenspartner, der Schriftsteller Wolfgang Maria Sigismund, bestärkt sie in ihrer Kreativität und ist zu einem wichtigen Unterstützer geworden. Während sie wiederum die Cover seiner Büche gestaltet. Es ist eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Eine Symbiose, die so selbstverständlich wirkt wie vieles an diesem verwunschenen Ort. Inzwischen verbringt Sigismund mehr Zeit in Rudersdorf als an seinem Wohnort Pörtschach am Wörthersee. Und das will etwas heißen: "Hier ist alles viel nahbarer, ehrlicher. Die Gastfreundschaft, die Menschen – man ist einfach willkommen." 

Und so leben hier, im bezaubernden Mikrokosmos eines historischen Vierkanthofs, Erwachsene und Kinder, Enkelkinder und Künstler, Liebende und Freigeister – und in dessen Zentrum Linda von Alten, Frau von Welt.