Gesundheit

„Niemand muss sich für seine Krankheit schämen“

Adipositas betrifft immer mehr Menschen im Burgenland. Die Klinik Güssing setzt auf moderne Behandlung und individuelle Betreuung für Betroffene.

Ärztin mit Patientin
Dr. Milic ist eine der Ärzt:innen im Team der Gesundheit Burgenland, die Betroffenen mit Adipositas hilft © Gesundheit Burgenland

Träge, nachlässig und faul: Auch im Jahr 2025 kämpfen viele an Adipositas Erkrankte immer noch mit inakzeptablen Vorurteilen. Übergewicht gilt in der öffentlichen Wahrnehmung weiterhin häufig als selbstverschuldet. Dabei ist krankhaftes Übergewicht seit dem Jahr 2000 von der Weltgesundheitsorganisation offiziell als chronische Erkrankung anerkannt – seit heuer sogar als komplexe, chronische Erkrankung. Für Betroffene bringt diese Einstufung nicht nur moralische Unterstützung, sondern auch konkrete medizinische Vorteile: individuelle Therapien und Beratungsangebote statt Schuldzuweisungen und Stigmatisierung. 

Daten der Statistik Austria sowie eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) aus dem Jahr 2019 zeigen, dass das Burgenland mit einer Adipositas-Prävalenz von 21,7 % die höchste Rate im Bundesländervergleich aufweist. Kurz gesagt: Die Burgenländerinnen und Burgenländer werden immer schwerer – zunehmend auch in krankhaftem Maße. In der Klinik in Güssing bietet man in einer interdisziplinären bariatrischen Ambulanz genau diesen Personen spezialisierte Beratung und Therapien an. Es handelt sich um die einzige Einrichtung im Burgenland, die bariatrische Chirurgie mit einem Stoffwechselschwerpunkt verbindet. Gemeinsam betreuen die Abteilung für Chirurgie und jene für Innere Medizin Patientinnen und Patienten mit krankhaftem Übergewicht – von der ersten Beratung über die Auswahl des geeigneten Therapieansatzes bis hin zur Vorbereitung auf operative Eingriffe. 

Verschiedenste operative Verfahren 

„Das chirurgische Behandlungsangebot umfasst sämtliche etablierten Verfahren, darunter Schlauchmagen- und verschiedene Magenbypass-Operationen. Darüber hinaus werden auch Revisions- und Umwandlungsoperationen angeboten“, erklärt Primar Dr. Erich Willhuber, interimistischer Ärztlicher Direktor der Klinik Güssing und Leiter der chirurgischen Abteilung. Besonders wichtig sei ihm, das Angebot möglichst niederschwellig zu gestalten. Viele Betroffene hätten große Unsicherheiten und litten unter Hemmschwellen. Ein Erstgespräch, bei dem Status und Anamnese erhoben und der weitere Ablauf besprochen werden, soll hier Abhilfe schaffen. „Niemand muss sich für seine Krankheit schämen“, betont der Facharzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie. 

Rundum-Betreuung 

Falls eine Operation erforderlich ist, werden vorab mehrere Befunde erhoben – darunter eine Magenspiegelung (Gastroskopie), Ultraschall-Untersuchungen sowie die Überprüfung der OP-Tauglichkeit. Zusätzlich erfolgt eine umfassende laborchemische Abklärung in der medizinischen Stoffwechselambulanz – alles innerhalb der Klinik. Extern werden ein psychologisches sowie ein diätologisches Gutachten eingeholt. Liegen alle Befunde vor, wird mit dem jeweiligen Versicherungsträger die Übernahme der Kosten geklärt. 

„Sollten nach dem Eingriff weitere plastische Operationen nötig sein, können auch diese direkt in der chirurgischen Abteilung durchgeführt werden“, verrät Chirurg Dr. Faisal Banajah von der bariatrischen Ambulanz. Besondere Bedeutung kommt aufgrund ihrer Ernährungsschulungen auch der Diätologie und der klinischen Psychologie im Haus zu. Sie sind vor und nach einer Operation für die Patientinnen und Patienten da. 

Nicht immer ist eine OP notwendig 

Nicht alle krankhaft übergewichtigen Patientinnen und Patienten benötigen eine Operation. Der internistische Teil der Adipositas-Ambulanz wird von OÄ Dr.in Birgit Krutzler und Ass.-Dr.in Sandra Milic geleitet. Bei der Befundbesprechung werden alle Untersuchungsergebnisse gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten durchgegangen. Für Betroffene mit gesundheitsgefährdendem Übergewicht,  bei denen Lebensstilveränderungen wie eine Ernährungsumstellung und Bewegung alleine nicht ausreichen, ist eine Unterstützung mit Medikamenten möglich, die das Sättigungsgefühl verstärken sowie den Appetit reduzieren und damit eine Gewichtsreduktion nachhaltig ermöglichen. „Damit hat ein neues Kapitel in der Therapie der Adipositas begonnen“, unterstreicht Oberärztin Dr.in Birgit Krutzler. Was viele nicht wissen: Die derzeit viel diskutierte „Abnehmspritze“ wird von den Versicherungsträgern nur in sehr eingeschränkten Fällen finanziert, etwa wenn eine Diabetes-Diagnose vorliegt und die Standardtherapie nicht ausreicht. Alle anderen müssen mit mehreren hundert Euro Kosten pro Monat für eine Behandlung tief in die Tasche greifen.  

So wird das Gewicht kategorisiert: 

Das Gewicht wird anhand des BMI (Body-Mass-Index) bewertet, berechnet aus dem Körpergewicht geteilt durch das Quadrat der Körpergröße (kg/m²). Der BMI ist nur ein Teil der Diagnose von Adipositas. 

  • Normalgewicht: BMI 19 bis 25 kg/m² 
  • Übergewicht: BMI 25 bis 29,9 kg/m² – gesundheitlich belastend, ärztliche Beratung empfohlen 
  • Adipositas: BMI 30 bis 39,9 kg/m² – gilt als Krankheit, erhöht Gesundheitsrisiken 
  • Schwere Adipositas: BMI über 40 kg/m² – hohes Risiko, ärztliche Behandlung wichtig 

Quelle: Österreichische Adipositas Gesellschaft