Interview
Telefonseelsorge: „Wir haben für jedes Thema ein offenes Ohr“
Die Telefonseelsorge ist seit vielen Jahren in mehreren europäischen Ländern aktiv. Der erst vor knapp zwei Jahren gegründete Förderverein der Telefonseelsorge Burgenland leistet einen wichtigen Beitrag, damit Menschen in seelischen Krisen verlässlich Unterstützung finden: er stärkt die Arbeit der überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeitenden, ermöglicht Fort- und Weiterbildungen und macht das Angebot der Telefonseelsorge sichtbarer. Vor allem aber hilft der Verein dabei, das Sprechen über psychische Gesundheit zu enttabuisieren.
Reden hilft
Wie wichtig ein offenes Ohr sein kann, betont auch Katharina Bedenik, Obfrau des Fördervereins. Ein Gespräch kann in einer schwierigen Situation mehr sein als nur ein Austausch von Worten – es kann ein erstes Durchatmen sein. Wenn jemand zuhört, nachfragt und das Gesagte ernst nimmt, fühlt sich Belastung oft ein Stück leichter an. Gerade, wenn man das Gefühl hat, niemanden im eigenen Umfeld belasten zu wollen, kann ein anonymes Gespräch ein wichtiger Schritt sein.
Mehr als ein Anruf
Neben dem klassischen Telefon-Angebot gibt es auch einen Chat, der besonders von Jugendlichen genutzt wird. „Viele junge Menschen schreiben lieber, als anzurufen. Themen wie Liebeskummer, Druck in der Schule, psychische Belastungen oder selbstverletzendes Verhalten tauchen dort oft auf“, erklärt Bedenik.
Der Förderverein organisiert außerdem öffentliche Vorträge, unter anderem in Schulen wie zuletzt zum Thema Autismus, und startet nun die neue Veranstaltungsreihe „Mental Health Talks“. Der erste Abend stand unter dem Titel „Stille Nacht, schwierige Nacht! – warum Weihnachten nicht für alle die schönste Zeit ist“.

Mental Health Talks
In einem geschützten Rahmen können Interessierte über psychische Gesundheit sprechen, Fragen stellen und ins Gespräch kommen. Psychotherapeutinnen und – therapeuten sind eingeladen, sich vorzustellen und ihre Kontaktdaten aufzulegen - so soll der Weg in professionelle Hilfe weniger bedrohlich wirken.
Warum Weihnachten belastend sein kann
Aus therapeutischer Sicht kommen zu Weihnachten mehrere Faktoren zusammen: hohe Erwartungen, wenig Zeit und oft große Emotionen. „Wir haben dieses Bild vom perfekten Fest im Kopf. Alles soll harmonisch, schön dekoriert und bis ins Detail geplant sein“, sagt Bedenik. „Wenn die Realität dann anders aussieht, fühlen sich viele, als würden sie versagen.“
Dazu kommen finanzieller Druck durch Geschenke und Feiern, alte Konflikte in Familien, die an den Feiertagen wieder hochkommen, sowie Trauer um Menschen, die fehlen. Die dunkle Jahreszeit mit wenig Tageslicht schlägt zusätzlich auf die Stimmung.
Was man tun kann
Wie kann man Menschen im eigenen Umfeld unterstützen? Bedenik rät, aktiv zu werden: „Wichtig ist, dass man da ist und es auch ausspricht: Ich sehe, dir geht es gerade nicht gut. Was brauchst du?“ Man müsse keine Lösung parat haben - Zuhören sei oft das Wertvollste. Statt der Floskel „Meld dich, wenn du was brauchst“ seien konkrete Angebote hilfreicher: „Zum Beispiel: Ich bring dir heute Nachmittag deinen Einkauf vorbei oder Ich komm kurz auf einen Tee vorbei, wenn du magst.“ Gleichzeitig nimmt Bedenik Druck aus der perfekten Inszenierung: „Es geht nicht darum, Weihnachten perfekt zu machen, sondern es leichter zu machen. Menschen dürfen an Weihnachten unperfekt sein.“ Und wer merkt, dass es allein nicht mehr geht, darf sich Unterstützung holen - am Telefon, im Chat oder bei einer der vielen psychosozialen Anlaufstellen im Burgenland. Reden hilft.
WICHTIGE RUFNUMMERN:
Telefonseelsorge: 142
Frauenhaus Burgenland: 05/09 44 4000
24-Stunden-Männerinfo, Krisen-Helpline: 0800/400 777
