Bauen & Wohnen
Von der Teilchenpyhsik zum Schilfdach
Die Pappelgasse in Weiden am See gleicht auf den ersten Blick vielen anderen neueren Straßenzügen einer burgenländischen Ortschaft. Die Häuser, die hier stehen, sind modern und lassen auf junge Familien mit Kindern schließen. Auch jenes von Jacobus Van Hoorne fällt in diese Kategorie. Und doch gibt es zu all den anderen Bauten einen riesigen Unterschied: Der 38-Jährige hat ein Haus mit Schilfdach gebaut und dafür Ende 2024 den Bauherrenpreis gewonnen. Doch nicht nur das ist Besonders. Van Hoorne hat mit seinem Haus eine nachhaltige und wichtige Lanze für das Naturmaterial Schilf gebrochen. Denn bis dato war die Umsetzung aufgrund hoher Brandschutzauflagen quasi nicht möglich. Mit einer klaren Vision vor Augen hat er eine wissenschaftliche Reise für eine Zukunft der Schilfdächer für Einfamilienhäuser angetreten und sie schlussendlich äußerst positiv abschließen können – eben mit dem Preis und dem Abbau von baurechtlicher Hürden.
Vom CERN zum Schilfgürtel
Hilfreich für sein Vorhaben war durchaus auch sein wissenschaftlicher Hintergrund. Van Hoornes Werdegang lässt kaum auf das Leben eines erst 38-Jährigen schließen: Im Alter von fünf Jahren kam der in den Niederlanden geborene naturverbundene Schilfschneider und –dachdecker ins burgenländische St. Andrä. Sein Vater, selbst auch im gleichen Handwerksberuf tätig, hatte die Region um den Neusiedler See in den 1980er kennen und lieben gelernt. „Schon damals gab es kaum Schilfschneider hier. Durch die Importe aus Holland war der Kontakt da“, erzählt Van Hoorne. Sein Vater kam also ins Burgenland, seine Mutter folgte mit ihm und den zwei Geschwistern später nach. Nach der Volksschule ging es für den Buben ins Gymnasium in Neusiedl am See, danach in die HTL nach Mödling. Im Anschluss folgte ein Architekturstudium. „Das war aber nichts. Dann habe ich Physik studiert, dann war ich sieben Jahre am Cern und jetzt bin ich sieben Jahre zurück“, schildert er mit großer Bescheidenheit. Er habe sich ein paar Mal „nicht so blöd angestellt“, meint er zu seiner Karriere als Physiker, der dem Handwerk seit Kindheitstagen immer verbunden war. Der Entschluss, sich beruflich wie sein Vater dem Schilf zu widmen, fiel gemeinsam mit seiner Frau, die er in der Schweiz kennenlernte. Lieber machen statt managen war sein Zugang. „Als Student darfst du die coolsten Sachen machen.“ Doch mit dem Aufstieg in den Managementbereich fielen diese ‚coolen Sachen‘ am Projekt weg. „Ich habe mir gedacht, wenn ich jetzt da sitze und Sachen manage, dann kann ich mich genauso gut daheim selbständig machen.“
Mit Pistenraupen durchs Schilf
Instinktiv folgte er also der Lust nach mehr Freiheit und kehrte an den Neusiedler See und zum Schilf zurück. Hier ist er nun Chef von zwei fixen Mitarbeitern in der Dachdeckerei. In der Schilfschneidesaison – von Mitte Dezember bis Mitte März – kommen etwa vier weitere Kräfte dazu. Die Erntemaschinen werden selbst gebaut. „Das sind Pistenraupen, die man umbaut. Damit hat man nicht viel Auflagefläche und kann sich gut im Sumpf bewegen“, erklärt er. Das Besondere an dieser Arbeit? „Wenn man im Schilfgürtel unterwegs ist kommst du zu Stellen hin, wo nie jemand anderes hinkommt. Das finde ich cool. Außerdem bist du in der Natur unterwegs und hast ein Material, mit dem du so ein schönes Produkt herstellen kannst. Bei uns kommt noch hinzu, dass ich dem Schilf beim Wachsen zuschaue, es ernte und dann was draus mache. Das ist super.“
Die beste Länge für das Dachdecken liegt etwa bei zwei bis zweieinhalb Metern. Ist es geerntet, werden die Halme zu Bündeln gemacht und in einer Halle gelagert. „Das kann ewig liegen. Nur draufregnen darf es nicht.“ Aktuell werden insgesamt 99 Prozent des Schilfs vom Neusiedler See exportiert. Holland, Norddeutschland, Dänemark und England sind laut Van Hooren die größten Abnehmerländer. Doch die Nachfrage ist kompliziert. Denn das Schilf hat einen guten Ruf, doch preislich schwankt es sehr – besonders, wenn es im großen Stil von China gekauft wird. „Es gab Zeiten, da war es viel billiger, einen Container von Shanghai nach Rotterdam zu kriegen, als einen LKW von hier nach Holland.“ Los werde man es aber in jedem Fall – „vor allem wenn die Qualität passt.“
Schilf hat Zukunftspotenzial
Nachdem Van Hoorne nun die Freigabe seines Schilfdachs für sein Haus erkämpft hat, geht er davon aus, dass die Zahl jener Häuser steigen wird. Material ist jedenfalls ausreichend vorhanden. „In einem durchschnittlichen Jahr wird genug Schilf geerntet, um 500 solcher Einfamilienhäuser einzudecken. Gemacht werden im Schnitt fünf.“ Der 38-Jährige sieht jedenfalls sehr viel Potenzial im Schilf. „Es werden immer mehr Vorgaben kommen, auch von der EU, dass man nachhaltige Materialen verwenden muss“, glaubt er. Für mehr Schilfdachhäuser in der Zukunft müsse man aber auch eine Ausbildung mitdenken, etwa eine Lehre. Aktuell handelt es sich um ein freies Gewerbe.
Für ein Schilfdach sprechen viele Komponenten: „Zum einen ist der Nachhaltigkeitscharakter ein starkes Argument. Außerdem dämmt es super und schaut auch optisch sehr gut aus. Es wirkt auch wärmer. Einziger Nachteil: Man kann kein Flachdach machen. Man braucht immer ein recht steiles Dach mit 40 Grad Dachneigung. Den zweiten Nachteil Brandschutz haben wir mit unserem Projekt nun beseitigt.“ Aktuell sind ein paar Einfamilienhäuser in Planung – alle in der Gegend. Dort passt es auch – so wie es früher war – genau ins Ortsbild. Denn: „Früher hatte jedes Haus ein Schilfdachl“.
Genügend Material sieht er übrigens trotz klimatischer Veränderungen auch in den nächsten Jahren: „Ich glaube, es wird immer genug Schilf wachsen für die lokale Verarbeitung – auch bei 99 Prozent Export. Für das eine Prozent werden wir sicher irgendwo ein Fleckchen finden, wo Schilf wächst, das gut genug für das Dachdecken ist.“




