Tourismus
Weinbau im Klimawandel: Die Lese wandert in den August
„Seit ungefähr 30 Jahren führe ich Aufzeichnungen, wann die Weinlese jedes Jahr angefangen hat“, sagt Andreas Liegenfeld, Präsident des Weinbauverbands und selbst Winzer in Donnerskirchen. Bis vor rund 15 Jahren, sagt er, sei das verlässlich die erste Oktoberwoche gewesen. Dann wanderte der Beginn Richtung September. „Und jetzt sind wir im Durchschnitt in der ersten Septemberwoche. Heuer haben wir schon in der letzten Augustwoche angefangen.“
Ob Sizilien, wo heuer schon im Juli gelesen wurde, ein Vorbote sei? Liegenfeld winkt ab. „Wenn wir so werden wie Sizilien, dann wird es irgendwann in Sizilien keinen Wein mehr geben. Weil dann ist dort Wüste.“
Was die alten Rebstöcke aushalten
Die Erntemenge wird heuer voraussichtlich um rund 30 Prozent unter einem normalen Jahr liegen. Die Qualität ist dagegen gut.

Wer durch die Rebzeilen geht, sieht mit freiem Auge, dass Hitze und Dürre am härtesten bei den jungen Rebstöcken zugeschlagen haben. Fünf bis zehn Jahre alt, noch nicht richtig verwurzelt – dünne Stämmchen, mickrige Trauben. Teils musste rigoros abgeschnitten werden, daraus wird ohnehin kein hochwertiger Wein, bestenfalls Traubensaft. Ein paar Zeilen weiter, bei den 30 bis 40 Jahre alten Stöcken: volle, intakte Trauben.
„Das ist die Botschaft, die man nie vergessen sollte“, sagt Herbert Oschep, Obmann von Wein Burgenland. „Die Weingärten sind sehr resistent, sehr klimaresistent.“
Dazu kommt, dass ein einzelnes Jahr im Weinbau selten über einen Betrieb entscheidet. 2025 hat Oschep als Jahrtausendjahrgang bezeichnet, qualitativ wie quantitativ. „Und da ist heuer noch ein bisschen was übriggeblieben. Man darf speziell im Weinbau nicht nur von Jahr zu Jahr denken. Ein Winzer, eine Winzerin, lebt damit, langfristig und generationsübergreifend zu denken.“
Sparsam und generationsübergreifend
Doch wie nachhaltig ist Weinwirtschaft eigentlich? Die Blätter binden während der Vegetationsperiode CO₂ und geben Sauerstoff ab. Dazu braucht ein Weingarten wenig Wasser. Reben sind im Vergleich zu anderen Kulturen relativ sparsam und trockenheitsresistent. Beregnet wird nicht mit dem großen Strahl – das wäre für die Rebgesundheit ohnehin fatal, das Laub bleibt nass, der Mehltau kommt. Stattdessen Tröpfchenbewässerung und gezielte Mengen. „Da sind wir wirklich Vorreiter. Wir brauchen kaum Wasser“, erklärt Liegenfeld.
Dazu kommt ein Zeithorizont, den es in der Landwirtschaft sonst kaum gibt. Ein Getreidebauer kann heuer Weizen anbauen und nächstes Jahr Soja. Ein Weingarten steht 30 bis 40 Jahre im Ertrag. „Wenn mein Sohn heute einen Weingarten auspflanzt, dann ist er fast 60, bis der zu Ende geht“, rechnet Liegenfeld vor.
Oschep formuliert es grundsätzlicher: „Der Weinbau ist immer für die nächste und übernächste Generation. Deswegen hat er auch so einen starken kulturellen Stellenwert im Burgenland.“ Und deshalb sei Anpassung an das Klima keine Frage der Haltung, sondern des Hausverstands: „Die Winzerinnen und Winzer im Burgenland wissen, was sie tun, die sind Profis!“

100 Millionen Flaschen mit „Burgenland“ drauf
Auch wirtschaftlich hängt an all dem viel. Rund 6.000 direkt und indirekt betroffene Arbeitsplätze, eine Wertschöpfung von etwa 260 Millionen Euro. Und rund 100 Millionen Flaschen im Jahr, auf denen das Wort „Burgenland“ steht.
„Und wo Burgenland draufsteht, ist Burgenland drinnen“, sind sich Andreas Liegenfeld und Herbert Oschep einig. Dass der Landeshauptmann direkt für den Wein im Burgenland zuständig ist, sei ein Signal: „Wein ist Chefsache. Darum werden wir von anderen Bundesländern ein bisschen beneidet“, grinst Oschep.
Das mit dem alkoholfreien Wein
Ein Trend, der derzeit überall Thema ist, ist alkoholfreier Wein. Andreas Liegenfeld ist skeptisch, aber nicht aus Prinzip, sondern aufgrund der Nachhaltigkeit. Zuerst wird Wein produziert, damit man ihn überhaupt Wein nennen darf. Dann wird noch einmal Energie aufgewendet, um den Alkohol wieder herauszuholen. „Nachhaltig ist das nicht“, sagt er klar.
Herbert Oscheps Vorschlag ist kürzer: „Wer alkoholfreien Wein will, soll Traubensaft bestellen.“
Draußen in den Weingärten geht die Lese weiter. Weniger Trauben als sonst, das steht fest. Aber die, die in die Presse kommen, taugen allemal was.
