Tourismus
Weinlese anno dazumal
Noch bevor die Sonne über den flachen Horizont der pannonischen Landschaft lugte, rumpelten Leiterwagen über die Feldwege. Die Pferde kannten den Weg ohnehin, die Menschen kannten ihre Arbeit. Der Ruster Chronist Wolfgang Bachkönig erinnert sich: „Die Weinlese war damals weit mehr als eine Ernte. Sie war Ausnahmezustand, Familienfest und Kraftakt zugleich. Wer zwei gesunde Hände hatte, wurde gebraucht.“ Geschnitten wurde mit kleinen Rebmessern oder Scheren. Die Trauben wanderten in hölzerne Butten oder Kübel, die Träger schleppten sie zur Fuhr, wo sie in Bottiche entleert wurden. Heute übernehmen Vollernter manche dieser Arbeiten. Damals erledigten sie Menschen – mit Muskelkraft, Ausdauer und erstaunlicher Gelassenheit.
Speck & Grammelschmalz
Der Rhythmus der Lese war einfach: arbeiten, lachen, essen, weiterarbeiten. Zur Vormittagsjause gab es Speck, Grammelschmalz, Brot, Paprika und Zwiebeln. Wer Glück hatte, fand ein Stück Gugelhupf im Korb. Getrunken wurde Wasser oder verdünnter Wein.
Stille Welt am Rande Westeuropas
Das Burgenland war in den 1950erund 1960er-Jahren noch eine stille Welt am Rand Österreichs. Das pannonische Klima, die flache Landschaft und die Nähe des Neusiedler Sees prägten den Weinbau vor allem im Nordburgenland wie kaum anderswo.

Die Kombination aus vielen Sonnenstunden, warmen Tagen und kühlen Nächten ließ Trauben reifen, aus denen charaktervolle Weine entstanden – damals wie heute. Geblieben ist etwas, das sich nicht mechanisieren lässt: das Gefühl, wenn die ersten Kisten voller Trauben aufgeladen sind. Wer heute im Herbst durch das Burgenland fährt, begegnet hochmodernen Kellereien, präziser Kellertechnik und international ausgezeichneten Weinen. Doch wer genau hinhört, kann zwischen den Rebzeilen vielleicht noch das Knarren eines alten Leiterwagens erahnen, das Lachen einer Lesepartie oder den Ruf: „Die Butte ist voll!“ Jede Flasche Wein erzählt eine Geschichte. Die schönsten beginnen oft dort, wo viele Hände gemeinsam gearbeitet haben – im goldenen Herbst des Burgenlandes.
