Kolumne
Was bedeutet stark?

Ein Pendlerleben
Zwischen Wien und dem Burgenland fallen mir manchmal zwei Frauen ein. Zwei Omas. Zwei unterschiedliche Leben und doch viel Gemeinsamkeit. Meine Oma in Wien hat fünf Kinder großgezogen, mit Liebe, unter schweren Nachkriegsbedingungen. Wäsche mit der Hand gewaschen, jedes Essen exakt geplant, damit sich alles ausgeht. Die Oma meines Mannes im Burgenland stand im Lebensmittelgeschäft im Ort, nachdem ihr Mann früh gestorben war. Drei Kinder, ein Laden, wirtschaftliche Verantwortung. Sie hat verkauft, gerechnet, zugehört, und abends daheim weitergemacht.
Ich frage mich: Wieso wird diese Art von Stärke ständig übersehen? Weil sie selbstverständlich wirkt? Weil Frauen immer leisten müssen. Sie tun es, weil wenn sie es nicht tun, wenn sie nicht die Tausend To Dos im Kopf haben, wenn sie nicht Wäsche waschen, bügeln, falten, wenn sie keine Einkaufslisten schreiben, nicht in der Küche stehen, nicht bei den Hausaufgaben helfen, kein Jausenbrot schmieren, kein Faschingskostüm besorgen, sich nicht um ihre Eltern kümmern, nicht Geld verdienen, damit man sich alles leisten kann – was dann? Dann bricht das System zusammen. Unter dem Dauerdruck ist es kein Wunder, dass sie nicht gleichzeitig auch laut werden können. Wir sagen dann, wow, ist sie stark, aber warum muss sie es sein?
Starke Frauen gibt es da wie dort. In Wiener Gemeindebauten genauso wie in burgenländischen Dorfstraßen. Vielleicht sollten wir beim nächsten Mal innehalten. Und daran denken, auf wessen Schultern wir eigentlich stehen.
Eine Kolumne von Saskia Jungnikl-Gossy.