Kolumne

Winken und bussln statt ärgern

Ich bin ein begehrter Mensch. Das überrascht Sie bestimmt. Aber stellen Sie sich vor, wie erstaunt erst jene Personen sind, die mich kennen. Die können sich das gar nicht erklären. Ich mir hingegen nur genau so. 

Schulterblick

Draufgekommen bin ich beim Autofahren. Da suchen nämlich ganz viele andere Verkehrsteilnehmer meine Nähe und heischen um meine Aufmerksamkeit. Etwa wenn sie mir auf der Bundesstraße schnellschnell den Vorrang nehmen und dann vor mir herzuckeln, als stünde die Zeit plötzlich still.  

Oder wenn sie beim Auffahren auf die Autobahn so tun, als hätten sie statt eines Blinkers einen permanenten Vorrang eingebaut. Oder wenn sie mir so dicht auffahren, dass ich mich frage: Liegt es wirklich an mir, oder steht Kleingedrucktes auf der Heckklappe, das jemandes Neugier weckt? 

Aber am Kofferraumdeckel steht nix. Es ist auch nichts auf der Hutablage, das die Neugier generieren könnte. Kein Wackeldackel, kein Katzenbaby, kein Sterne furzendes Einhorn. 

Also gibt es nur eine Erklärung: Ich muss eine sehr begehrte Person sein, deren Aufmerksamkeit man sich gewahr sein will. Und weil ich möchte, dass die Menschen Gutes von mir halten, winke ich in solchen Situationen freundlich. Unlängst hab ich sogar einem älteren Herrn ein Bussi gschmissen, der sich in seinem Auto über mich in meinem Auto aufgeregt hat. Sein Grant verflog, er lächelte mich sogar an. Wenn auch vermutlich doch nicht aus Begehren. 

 

Eine Kolumne von Guido Gluschitsch

Foto: © Maria Hollunder