Sport & Bewegung

Vom Leithagebirge in die Welt

Tour-de-France-Etappensieger, zweifacher österreichischer Meister und seit mehr als einem Jahrzehnt im Profi-Radsport unterwegs: Patrick Konrad hat während seiner Karriere beinahe alles erlebt. Wenn der 34-Jährige nicht gerade mit dem Team unterwegs ist, genießt der gebürtige Niederösterreicher die Zeit mit seiner Familie in Eisenstadt.   

Rund 200 Tage im Jahr ist Patrick Konrad nicht zu Hause. Der Koffer? „Der wird gar nicht ausgepackt“, erzählt der Radprofi lachend. Rennen, Trainingslager und Vorbereitung bestimmen einen großen Teil seines Jahres. Umso wichtiger ist die Zeit, die ihm in Eisenstadt bleibt, mit seiner Frau, seinen Kindern und auch einmal ohne Fahrrad. 

Das Burgenland als Wahlheimat 

Seine Verbindung zum Burgenland reicht weit zurück. Konrad wuchs im niederösterreichischen Ebreichsdorf auf, doch das Leithagebirge gehörte schon in seiner Jugend zu seinen Trainingsgebieten. Über Stotzing führte eine seiner Standardrunden nach Eisenstadt und über Hornstein wieder zurück. Das Burgenland gefiel ihm schon damals. Nach drei Jahren in Wien suchten er und seine Frau schließlich einen Ort, der weder zu klein noch zu groß war. „Eisenstadt hat die perfekte Größe. Man hat alles, was man braucht.“  

Dass ausgerechnet das flache Burgenland die Heimat eines Fahrers ist, der sich auf dem Rennrad im Hochgebirge behauptet, sieht Konrad gelassen. Für spezifische Grand-Tour-Vorbereitungen geht es ohnehin ins Trainingslager, heuer etwa in die Sierra Nevada und nach Andorra. Dafür bietet das Burgenland einen anderen Vorteil: Hier kann er praktisch das ganze Jahr trainieren. Und wenn mehr Höhenmeter gefragt sind, sind Schneebergland und Hochwechsel nicht weit. Das Leithagebirge selbst hat im Laufe seiner Karriere allerdings etwas an Schrecken verloren: Was als Jugendlicher noch ein Berg war, ist für Konrad heute eher ein „Schupfer-Gebirge“.

Am Anfang zählte der Spaß 

Seine Karriere begann nicht dem großen Ziel Profisport. Als Jugendlicher ging es Konrad zunächst vor allem um eines: Spaß. Gemeinsam mit Gleichaltrigen begann er im Verein mit dem Radsport. Die Gruppe wurde zum Freundeskreis, am Wochenende ging es gemeinsam zu Rennen. „Es ist eigentlich gar nicht darum gegangen, das auf Leistungssportniveau zu machen, sondern einfach Zeit miteinander verbringen, Spaß haben“, erinnert er sich. Erst nach einigen Jahren später entstand die Idee, aus dem Hobby einen Beruf zu machen. 

Hartes Business 

Dass es für ganz oben reichen könnte, zeichnete sich spätestens in der Junioren- und U23-Zeit ab. Ein vierter Platz bei der Österreich-Rundfahrt und ein Podestplatz bei der Tour de l’Avenir waren frühe Ausrufezeichen. Der Sprung zu den Profis war allerdings eine Herausforderung. „Man fängt gefühlt wieder bei null an. Man ist noch ein junger Bursch und merkt erst, wie hart das Business wirklich ist“, erklärt Konrad. Mit den Top-Platzierungen bei diversen Rundfahrten konnte er sich aber im Profi-Feld etablieren.  

Mythos Tour de France 

Der größte Moment seiner Karriere kam schließlich 2021: Auf der 16. Etappe der Tour de France setzte sich Konrad aus einer Ausreißergruppe ab und fuhr Solo zum Sieg in Saint-Gaudens am Fuße der Pyrenäen. Damit schrieb er österreichische Radsportgeschichte. Er gehört einem elitären Kreis von nur vier Österreichern an, die jemals eine Etappe bei der Tour de France gewinnen konnten. Vor ihm war das lediglich Max Bulla im Jahr 1931 und Georg Totschnig 2005 gelungen. 2023 kam Felix Gall als vierter österreichischer Etappensieger hinzu. „Das ist das, nach dem jeder strebt im Radsport“, sagt er. Bei der Tour erfolgreich zu sein, sei „eigentlich das Größte, was man erreichen kann“. Obwohl Giro d’Italia, Vuelta a España und zahlreiche Klassiker sportlich ebenfalls zu den bedeutendsten Rennen der Welt zählen, nimmt die Frankreich-Rundfahrt eine Sonderstellung ein: „Die Tour de France hat einen Mythos. Sie ist einfach das bekannteste Radrennen der Welt.“

Heute zählt seine Erfahrung 

Mittlerweile hat sich Konrads Rolle verändert. Jahrelang fuhr er selbst als Kapitän und Leader auf Ergebnisse. Heute stellt er seine Erfahrung stärker in den Dienst seiner Mannschaft Lidl-Trek. „Meine Rolle bei Lidl-Trek ist hauptsächlich die, dass ich die Routine reinbringe und die jungen Fahrer unterstütze“, sagt Konrad. Mit seiner Erfahrung und Qualität will er dazu beitragen, dass das gesamte Team erfolgreich ist. 

Wie anspruchsvoll das Leben als Radprofi auch abseits der Rennen ist, zeigt ein Blick auf den Trainingsumfang. In einer Regenerationswoche verbringt Konrad zehn bis 15 Stunden auf dem Rad. In intensiven Vorbereitungsphasen können es bis zu 35 Stunden sein. Wer glaubt, mit dem Absteigen vom Rad sei der Arbeitstag beendet, irrt. Nach sechs oder sieben Stunden Training wartet noch Regeneration, Ernährung und die Vorbereitung auf den nächsten Tag. Zum Abschalten braucht es dagegen wenig: schlafen, nichts tun und Zeit mit den Kindern verbringen. 

Und was kommt danach? 

Mit fast 35 Jahren weiß Konrad, dass sich auch eine lange Profikarriere irgendwann ihrem Ende nähert. Einen konkreten Plan oder ein fixes Datum für das Karriereende gibt es aber nicht. Die unmittelbare Zukunft führt Patrick Konrad noch einmal dorthin, wo er seit mehr als einem Jahrzehnt zu Hause ist: ins internationale Starterfeld. Ab 22. August beginnt mit der Vuelta a España die nächste große Rundfahrt, der selten ausgepackte Koffer wird also wieder gebraucht. 

 

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